Zürich Chess Challenge 2016(1) - PanicMode vor dem Start

Erstellt am: 13.02.2016

Eines haben alle Schachveransaltungen gemeinsam, wenn man auf der organisatorischen Seite mitwirkt - den PanicMode. Ein Zustand, der sich zumeist schleichend einstellt und dessen Symptome ein immer häufigerer und mit zunehmender Schweißbildung getätigter Blick auf die Uhr, erhöhte Reizbarkeit bei zunehmendem Multi- Giga-Tasking und eine um ein Vielfaches erhöhte Absturzwahrscheinlichkeit aller für den technischen Ablauf unbedingt erforderlichen Geräte sind.

Dabei bin ich, nach vielen leidvollen Erfahrungen, schon längst dazu übergegangen, einen Tag vorher (und inzwischen an diesem Tag auch noch möglichst früh) anzureisen, doch letztlich endet es immer gleich, denn das überschüssige Zeitpolster wird in den meisten Fällen dann von einem besonders schwerwiegenden technischen Defekt aufgefressen. Dieses Mal übernahm diesen Part das Netzteil meines Laptops, das unvermittelt den Geist aufgab und dessen Wiederbeschaffung mit genau denselben Spezifikationen eine Odyssee der Spitzenklasse werden sollte - zeitlich und, wenn man die Preise in der Schweiz kennt, auch finanziell, denn wenn man schon für ein 0,2l Glas Coca-Cola 6 Euro oder für eine Butterbrezel an einem Straßenverkaufsstand 5 Euro bezahlen muss, dann kommt man mit 100 Euro für ein Laptop-Netzteil nicht sonderlich weit.

Das russische Team, das wie schon im letzten Jahr für die Live-Übertragung vor Ort und ins Internet verantwortlich ist, hatte es jedoch noch schlimmer erwischt. Sie hatten extra einen besonders frühen Flug gebucht, um schon am Vormittag des Vortages im Spielsaal zu sein - doch der Flieger musste unerwartet in die Werkstatt (der übliche technische Defekt, s. oben) und so trafen sie erst kurz vor Mitternacht im Savoy Baur en Ville ein und konnten so direkt in den PanicMode wechseln.

Einer der größten Zeitfresser beim Aufbau einer Live-Übertragung ist übrigens gar nicht mal so sehr die Technik. Diese funktioniert meistens, abgesehen von dem Gerät, dem vom Schicksal die Rolle des PanicMode-Verursachers zugedacht wurde, tadellos und gleich beim ersten Aufbau. Vielmehr sind es die Unmengen an Kabeln, die bei der Erstinstallation zunächst einmal unkontrolliert im Turnierareal verstreut werden und die schließlich als bunte, geringelte Stolperfallen die Laufwege dekorieren. Diese müssen Meter für Meter gebündelt, getaped und irgendwie am Boden befestigt werden, was so wiederum sehr häufig zu Kollisionen mit den Besitzern des Spiellokals führt, denn jene haben für Klebereste am sündhaft teuren Marmor- oder Parkettboden nicht übermäßig viel Sympathie übrig. Schade, dass es "Wetten, dass..." nicht mehr gibt, denn inzwischen könnte ich die eine oder andere Turnierlocation allein an dem Muster erkennen, das vom stundenlangen Auf-den-Knien-Rutschen in selbige gepresst wird.

Eine weitere Verschärfung des PanicModes verursachte der Hauptsponsor höchst selbst: Der Diamantenhändler Oleg Skvortsov, der für die Finanzierung des Turniers seit einigen Jahren zu fast 100% einsteht, beschloss am Vortag der Eröffnung, dass es um 15 Uhr ein kleines Privatmatch zwischen ihm und Boris Gelfand geben - und dieses ebenfalls live und unter vollem Einsatz aller Kameras übetragen werden sollte, was den Zeitplan mal kurzerhand um 3 Stunden verkürzte, denn die eigentliche Deadline war bis dahin der Beginn der Eröffnungszeremonie um 18 Uhr. Das Artikelbild zeigt übrigens den optischen Zustand des Zuschauerareals eine halbe Stunde vor Beginn... .

Dennoch - am Schluss, und das haben alle Übertragungen ebenfalls gemeinsam - klappt es dann doch immer irgendwie und gerade noch rechtzeitig. Außer bei Skvortsov selbst. Er erlitt gegen Gelfand schon in der Eröffnung Schiffbruch und hätte eigentlich schon nach 20 Zügen gewissensbissfrei aufgeben können.

Aber zum Turnier selbst. Dieses wurde um ca. 19 Uhr nach einer künstlerisch hochkarätigen Eröffnungszeremonie mit den namhaften Musikern Boris Andrianov (Cello), Ilya Gringolts (Geige) und Dmitry Illarinov (Gitarre) mit einem Blitzturnier eröffnet, das für die Gesamtwertung noch keine Bedeutung hatte, sondern lediglich die Farbverteilung für das Rapid festlegte. Dennoch wurden einige sehr dramatisch und hochklassige Partien gespielt und es zeigte sich, warum der Amerikaner Hikaru Nakamura als der große Turnierfavorit gehandelt wird. Die "H-Bombe", wie in der britische Organisator Malcolm Pein einmal scherzhaft nannte, startete wie die Feuerwehr mit 3 aus 3 und hätte in der 4. Runde gegen Alexei Shirov das Turnier bereits vorzeitig für sich entscheiden können, denn mit 2 verbundenen Freibauern in einem Dame-Läufer-Endspiel stand er glatt auf Gewinn. Doch Shirov gelang es, die Stellung mit kleinen Nadelstichen gegen den König des Amerikaners kompliziert zu halten, bis Nakamura schließlich fehlgriff, seine Freibauern einbüßte und ins Dauerschach einwilligen musste.

Überhaupt Shirov: Der Underdog des Turniers und einzige Teilnehmer mit einer ELO-Zahl unter 2700 schlug sich mit 3 aus 5 und keiner Niederlage ganz hervorragend und man merkt auch seiner Körpersprache schon an, dass er sich viel vorgenommen hat. Er wirkte hochkonzentriert, fast verbissen und scheint gewillt zu sein, in diesem Turnier ganz vorne mitzuspielen. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er am Ende auf dem von der Statistik prognostizierten letzten Platz landen wird.

Nach dem Remis gegen Shirov führte Nakamura jedenfalls vor der Schlussrunde mit einem Zähler Vorsprung auf Shirov und musste mit Schwarz gegen Anand antreten, während Shirov Weiß gegen den bis dahin mit 0,5 aus 4 glücklosen Anish Giri spielte. Gute Voraussetzungen für den Amerikaner, denn er hat gegen Anand ein klar positives Score, doch in dieser Partie erlitt er schon in der Eröffnung mit der Aljechin-Verteidigung kompletten Schiffbruch und verlor glatt. Das gab Shirov die Chance, nach Punkten mit Nakamura gleichzuziehen und ihn nach Wertung sogar zu überholen, doch er stand gegen Giri die ganze Partie über eigentlich immer etwas schlechter und musste am Ende mit Remis mehr als zufrieden sein.

So siegte am Ende Nakamura mit 3,5 aus 5 vor Anand und Shirov (je 3), Kramnik (2,5), Aronian (2) und Giri (1). Die ersten drei des Klassements haben nun im heute beginnenden Rapid jeweils eine Weißpartie mehr, was natürlich einen Vorteil darstellt. Die heutigen Paarungen der ersten beiden Runden lauten:

1. Runde, 15 Uhr
Alexei Shirov - Vladimir Kramnik    
Hikaru Nakamura - Anish Giri    
Viswanathan Anand - Levon Aronian

2. Runde, 18 Uhr
Vladimir Kramnik - Levon Aronian    
Anish Giri - Viswanathan Anand    
Alexei Shirov - Hikaru Nakamura

Parallel zu den ersten beiden Runden findet zudem noch ein Schaukampf mit derselben Bedenkzeit wie im Haupturnier zwischen Alexander Morosewitsch und Boris Gelfand statt, der auf 2 Partien angelegt ist. Der Eintritt ins Savoy Baur en Ville ist frei und es gibt vor Ort jede Menge Prominenz zu beobachten - unter den Gästen waren gestern u.a. Anatoli Karpow, Viktor Kortschnoi, Judith Polgar und Ian Rogers.

PGN Download: 
Partie(n) zum Nachspielen: 
<a href=http://schachbundesliga.de/sites/default/files/pgn/opening_blitz.pgn>PGN</a>

Die Zürich Chess Challenge 2016 findet vom 12, - 15. Februar im Hotel Savoy Baur en Vill in Zürich statt. Der Modus ist ein vollrundiges Schnellschach mit 40 Minuten pro Partie plus 10 Sekunden / Zug, dessen erzielte Punkte doppelt zählen. Zusätzlich wird ein Blitzturnier ausgetragen, das einfach in die Gesamtwertung einfließt. Das Schnellschach findet am Samstag und Sonntag um 15:00 bzw. 18:00 statt und am Montag um 15:00 Uhr. Das abschließende Blitzturnier beginnt am Montag um 18:00 Uhr. Der Eintritt ist für Zuschauer an allen Tagen frei; es gibt Live-Kommentare vor Ort (GM Pelletier und IM Hug) und im Internet auf http://www.zurich-cc.com



Über den Autor

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Marc Lang

Marc Lang ist bekannt für seine Blindschachveranstaltungen und hielt bis Dezember 2016 den Weltrekord im Blindsimultan gegen 46 Gegner, aufgestellt 2011 in Sontheim/Brenz, wo er heute lebt.