Das Endspiel, das die Meisterschaft spannend hielt: Rapport - Aronian in der Analyse mit Video

Erstellt am: 25.02.2016

Die Spannung des Wettkampfes war schon fast wieder verflogen: Baden-Baden führte gegen Solingen mit 4:3 und in der letzten noch laufenden Partie hatte der Solinger Richard Rapport gegen den WM-Kandidaten Levon Aronian zwar etwas Vorteil, aber die Nummer 5 der Weltrangliste würde, so der allgemeine Tenor, das Endspiel locker halten und den Baden-Badenern damit den Sieg und schon fast den Meistertitel sichern. Doch dann drehte der für seine Kreativität bekannte junge Ungar so richtig auf...

Er schaffte es nicht nur, seinen in ständiger Gefahr befindlichen a6-Freibauern vor dem feindlichen Zugriff zu retten, sondern drang sogar mit seinem König bis zum schwachen Bauern g7 vor, dessen Fall den Nachziehenden wohl auch alle weiteren verbliebenen Bauern kosten würde.

Rapport - Aronian: Stellung nach 78.Kf8

Schwarz steht vor einer schwierigen Entscheidung: Soll er weiter stillhalten und offen, dass der Weiße keine Fortschritte machen kann oder soll er versuchen, die Stellung zu forcieren? Aronian entschied sich für letzteres und wählte das scheinbar klärende 78...g6?, wonach Rapport fast à tempo 79.Txe5! folgen ließ. Nach 79...fxe5 80.hxg6 wird schnell klar, dass Schwarz dieses Endspiel nicht halten kann: Der weiße Läufer steht auf f1 fantastisch; er deckt den Bauern a6, stoppt den schwarzen e-Freibauern und nimmt dem Nachziehenden obendrein noch das Feld h3, was sich am Ende als entscheidend erwies. Aronian versuchte noch 80...Tc6 81.Kf7! (81.g7?? würde den Weißen so kurz vor dem Ziel noch straucheln lassen, denn nach 81...Tf6+! 82.Kg8 Tg6 83.Kf7 Txg3 verliert Schwarz zwar den Turm, nicht aber den h-Bauern, so dass dieser nun vormarschieren und den weißen Läufer von der Deckung des letzten weißen Infantristen auf a6 ablenken kann) Tc7+ 82.Kf6 Tf6+ 83.Kf5 e4 84.g7 Tc5+ 85.Kg6 Tg5+ 86.Kxh6 Txg3 87.Kh7! und da der weiße Läufer f1 dem Armenier das rettende Schach auf h3 verwehrt, gab Aronian auf und Solingen hatte das Unentschieden in letzter Minute geschafft.

Schauen wir uns an, was passiert wäre, wenn Aronian statt 78...g6? zu einer passiveren Verteidigung gegriffen hätte:

A) Das von Computern vorgeschlagene 78...Tf7+ 79.Kg8 Tc7 ist zu passiv. Weiß kann darauf zu dem lustigen 80.Kh8!! mit der Idee Tg8xg7 greifen, was den g-Bauern erobern würde. Schwarz ist erstaunlich hilflos, z.B. 80...Ka7 81.Tg8 Sf7+ 82.Kh7 Sg5+ 83.Kg6 Se6 84.Lh4 Sg5 85.Lf5 oder 80...Sf7+ 81.Kh7 Sd6 82.Te6 Kc5 83.g4! und Schwarz kann kaum noch sinnvolle Züge machen.

B) 78...Sc6 schützt zwar vor dem Manöver Tb8-b7, aber nun kommt der Turm von der anderen Seite: 79.Te6! Ka7 80.Ld3 Se5 81.Lf5 Sd7+ 82.Ke8 Tc5 83.g4 Se5 84.Kf8. Nun fällt der Königsflügel. Schwarz bleibt nur noch der Gegenangriff, doch der kommt nach 84...Tc4 85.Kxg7 Sxg4 86.Lxg4 Txg4+ 87.Kxh6 zu spät, das Turmendspiel ist glatt verloren.

C) 78...Ka7 79.Te7! Txe7 80.Kxe7 f5 81.Le2 und Weiß holt in aller Ruhe den schwarzen Königsflügel ab.

Fazit: Die obige Diagrammstellung ist wahrscheinlich bereits verloren für den Nachziehenden, dessen Hauptproblem in seinem am Damenflügel beschäftigten König liegt. Weiß hat daher am Königsflügel ein großes Übergewicht, so dass Schwarz seine Bauern auf Dauer nicht halten kann.

PGN Download: 
Partie(n) zum Nachspielen: 
[Event "Schachbundesliga"]
[Site "München"]
[Date "2016.02.21"]
[Round "9.2"]
[White "Rapport, Richard"]
[Black "Aronian, Levon"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "2649"]
[BlackElo "2765"]
[SetUp "1"]
[FEN "4RK2/2r3p1/Pk3p1p/4n2P/8/6P1/8/5B2 b - - 0 78"]
[PlyCount "18"]
[EventDate "2016.??.??"]
[WhiteTeam "SOL"]
[BlackTeam "BAD"]
[WhiteTeamCountry "HUN"]
[BlackTeamCountry "ARM"]
[WhiteClock "0:14:44"]
[BlackClock "0:18:15"]

78... g6 (78... Rf7+ 79. Kg8 Rc7 80. Kh8 $1 Nf7+ (80... Ka7 81. Rg8 Nf7+ 82.
Kh7 Ng5+ 83. Kg6 Ne6 84. Bh3 Ng5 85. Bf5 Kxa6 86. Rxg7 Rc5 87. g4 $18) 81. Kh7
Nd6 82. Re6 (82. Rg8 $2 Nf5) 82... Kc5 83. g4 $1 Rd7 (83... Nf7 84. Re1 Ng5+
85. Kg6 Kd6 (85... Kb6 86. Rb1+ Ka7 87. Rb7+) 86. Ra1 Ra7 87. Rb1 Kc6 88. Rb7
Rxb7 89. Bg2+) 84. Re1 Kb6 85. Rb1+ Ka7 86. Rd1 Kb6 87. Kg6 Ka7 88. Bc4 Rd8 89.
Rd5 Rd7 90. Rd3 Kb6 91. Be6 Rd8 92. Rd5 Kxa6 93. Kxg7 $18) (78... Nc6 79. Re6
Ka7 80. Bd3 Ne5 81. Bf5 Nd7+ 82. Ke8 Rc5 83. g4 Ne5 84. Kf8 Rc4 85. Kxg7 Nxg4
86. Bxg4 Rxg4+ 87. Kxh6 f5 88. Rg6 Rc4 89. Kg5 f4 90. h6 f3 91. h7 Rc5+ 92. Kh6
{und gewinnt}) (78... Ka7 79. Re7 $1 Rxe7 80. Kxe7 f5 81. Be2 Kb6 82. Ke6 Nc6
83. Kf7 Nd4 84. Bd3) 79. Rxe5 fxe5 80. hxg6 Rc6 81. Kf7 (81. g7 $4 Rf6+ 82. Kg8
Rg6 83. Kf7 Rxg3 84. g8=Q Rxg8 85. Kxg8 h5 86. Kg7 h4 87. Kg6) 81... Rc7+ 82.
Kf6 Rc6+ 83. Kf5 e4 84. g7 Rc5+ 85. Kg6 Rg5+ 86. Kxh6 Rxg3 87. Kh7 1-0
Video(s): 


Über den Autor

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Marc Lang

Marc Lang ist bekannt für seine Blindschachveranstaltungen und hielt bis Dezember 2016 den Weltrekord im Blindsimultan gegen 46 Gegner, aufgestellt 2011 in Sontheim/Brenz, wo er heute lebt.